Toyen

…eine echte Entdeckung…sogar in Fachkreisen kaum bekannt…Pionierarbeit der Kunsthalle…Künstlerinnen (…) für ein großes Publikum wiederentdecken… Dank für die Entdeckung und Erforschung

…sie geriet in Vergessenheit…und verstarb unbemerkt … (Auszüge des Ausstellungskatalogs)

Vorschauen sind smarter als Rückblicke, die häufig melancholisch stimmen. Dieser nicht. Ich setze weiterhin auf Wunder. Denn ich mag Wunder. Zuweilen erscheint das Schöne plötzlich und unerwartet und verändert alles zum Besseren. So war es 1986 im Kunsthistorischen Seminar bei F. Gross über „die Künstler des Surrealismus“. Der Zufall hatte die Doktorandin I. Schulz herbeigeweht, die über Meret Oppenheim promovierte und nun im Hauptseminar auf der Suche nach interessierten Gesprächspartnern war. Ungläubiges Erstaunen, dass nicht eine einzige weibliche Künstlerin Gegenstand der akademischen Vermittlung sein sollte. Aber durch ihr beharrliches Insistieren, die prinzipielle Aufgeschlossenheit des Seminarleiters und einen Ausbruch an Forschungsfuror auf Seiten der StudentInnen wurde das „Surrealistinnen-Seminar“ denkwürdig.

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Raffael. Wirkung eines Genies

Ein Kunstereignis der besonderen Art wäre im Jahr 2020 zu erwarten gewesen. Nun traf es dieser Tage ein: Es jährte sich der 501. Todestag Raffaels (1483-1520). Einer der wenigen Maler, denen es vergönnt war einzig durch den Vornamen bekannt geworden zu sein. Oder wer hätte gewusst, dass sein Nachname Sanzio da Urbino lautete oder auch Raffaello Santi? Was sich schon sehr nach Sanktus anhört und auch dadurch versteckte Hinweise auf eine Heiligsprechung andeutet. Um eben das sollte es wohl auch gehen. Das Heiligsprechen gehört bekanntlich zum Kerngeschäft der Kirche, so wie auch das Aufladen mit sinnherstellender Bedeutung, das Umfunktionieren realer Gegenstände zu Symbolträgern, der Deutungsanspruch von der Wiege bis zur Bahre und natürlich (die Karre kommt hier erst richtig in Schwung) und ganz besonders darüber hinaus. Dass Raffael zu den größten Malern der Welt gezählt wird, steht zu keiner Sekunde in Abrede. Doch warum das so ist, kann durchaus unterschiedlich erklärt werden, denn die Kunstmedaille hat zwei Seiten. Der Künstler und sein Werk und seien sie noch so gut, innovativ und außergewöhnlich, werden durch andere Autoritäten erst zur Kunst erklärt. Und das wissen wir nicht erst seit Marcel Duchamp. Die PR-Abteilung der katholischen Kirche ist seit 2000 Jahren die erfolgreichste der Welt. So geht es in dieser Ausstellung einerseits um die Legendenbildung rund um Raffaels Person gemäß des Rock’n’Roll – Mottos „Live Fast, Love Hard, Die Young“, andererseits folgen wir den Fans des Göttlichen. So wie gute Songs gecovert wurden, wurden auch seine Bilder und Frescen gecovert. Zeichner und Stecher sind Legion und künden von der Verehrung des Meisters. Sie haben in Kopie und Abwandlung hervorragendes nach-geschaffen. Doch so wie es von manchen Liedern einfach kein besseres als eben nur dieses Original auf Erden geben kann…ist auch hier ab einem bestimmten Punkt eine gewisse Müdigkeit erreicht…und die Aufmerksamkeit richtet sich ganz wieder auf Raffael, der mit 5 Originalzeichnungen im Allerheiligsten illuminiert wird. An dieser Stelle könnte sich Ratlosigkeit breit machen. Aber nur für die, die sich mit dem Genie nicht auskennen. Und das werden sicher die wenigsten sein, oder? Diejenigen hingegen, die fröhlich und selbstbewusst dazu stehen können, dass sie bis dahin für den göttlichen Raffael noch nicht die Zeit gefunden haben, freuen sich mit mir zusammen auf die nächsten Kursstunden.

Giorgio de Chirico und die Metaphysik

Der Maler Giorgio de Chirico ( 1888-1978) gilt sowohl als der Vorläufer des Surrealismus als auch der Neuen Sachlichkeit der 1920er Jahre. Er entwickelt vor dem ersten Weltkrieg eine Bildsprache, die aus einer wiederkehrenden Motivik besteht und damit einen starken Wiedererkennungswert garantiert. Zwei Werkkomplexe lassen sich dabei unterscheiden: die Plätze und die Innenräume. Der Kunstgeschichte gilt seine neuartige Bildfindung, die pittura metafisica, geschaffen in den Jahren von 1909 bis 1919 als genial. Was er dann noch bis zu seinem Tode malte, wird in Fachkreisen diskret übergangen. Besonders wunderlich ist de Chiricos eigene künstlerische Abkehr von seinen Erfolgen. Er verabschiedet sich von seinem, durch die Surrealisten gefeierten Frühstil, unerklärlich und mit Raum für diverse Vermutungen.
Seltsamkeiten und Rätsel allenthalben… und sein Geheimnis?

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Vom Ordner zum papierlosen Büro

Die Pandemie treibt die digitale Lebensweise unbarmherzig voran. Technikprofiteure können sich freuen, aber die Kulturbereiche sind in höchstem Maße analog aufgebaut und mit Unterbrechungen seit mehr als einem Jahr heruntergefahren und geschlossen. Vorwärts geht es in der Kunstgeschichte zur Zeit nur mit Videos zur Kunst oder Zoomzusammenkünften.

Gestern „war“ ich mit Kollegen zur Ausstellungspreview und Weiterbildung in der Kunsthalle und beim Motte-Kurs in Ottensen. Aber in Wirklichkeit zuhause am Schreibtisch. „Wirklichkeit“? Ein dehnbarer Begriff, der bei meiner Arbeit in höchstem Maße mit Orten zu tun hatte, wo Bilder – gut gesichert – an den Wänden hängen oder wo Menschen für kunstreflektierende Gespräche in einem Raum zusammen kamen.

Der Kunstdialog hat, was das Werkzeug betrifft, in meiner Arbeitserfahrung schon mehrere Pirouetten gedreht. An der Uni wurden noch Dias geschoben, in meiner Arbeitspraxis habe ich zu Anfang noch mit Folien gearbeitet und galt in der VHS – weil ich vor einigen Jahren – auf einen Beamer, Leinwand und Laptop bestand, als Speerspitze der technischen Innovation. Nun zoome ich. Aber kann soviel Veränderung noch gesund sein? Tja, Blickwinkeldialektik. In Abwägung zur Coronainfektion wahrscheinlich. Im Verhältnis zu meinem Arbeitsverständnis so gesund, wie jemand der dauerhaft Schluckauf hat.

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Kunst “im Gehäus”

Es ist es schon nun einige Monate her, daß ich in einem ernsthaften Erwägungsprozeß „Kunst mit Konferenztechnik: Ja oder Nein?“ Teilnehmer, Freunde und Bekannte befragte, was sie von einer Kunstgeschichte im modernen Gewand halten würden. Die meisten damals Befragten rieten mir ab, weil unsere Kunstgespräche spontan und emotional seien und die persönliche Ansprache durch nichts zu ersetzen wäre. Und die fremde Technik sei ein Hemmschuh für das Gemeinschaftserleben, was vor allem Ältere zu Fall bringen würde. Nun bin ich seit Wochen damit beschäftigt, mich technisch „schlau“ zu machen und dem ein oder anderen über die Hürden der Zoom-Einwahl hinweg zu helfen. Nie hätte ich gedacht, daß die damit verbrachten Stunden „emotionaler“ sein würden, als die ganze Kunstgeschichte der letzten Jahre! Zunächst natürlich einmal für mich selbst, weil ich nie ein Technikverständnis von Grund auf erlernt habe, sondern ein stückchenweises Zusammenfummeln für meine Bedürfnisse ausreichend fand. Auch habe ich mir das ganze Computervokabular nie angeeignet. Die Dialoge mit meinem nervenstarken Gatten hätten Stoff für eine erheiternde Satire abgegeben. „Kannst Du mal bitte kommen? Das eine Dings funktioniert nicht und geht auch nicht weg und das Bild, das ich haben will kommt nicht“. „Was für ein Dings?“ „Ich weiß nicht wie das heißt. Wenn man eben auf diese eine Taste drückt.“ Und was hast Du eben gemacht? Wie bist Du dahin gekommen?“ „Ich weiß es nicht. Es passierte. Eigentlich habe ich gar nichts gemacht.“ Und von meinen Flüchen bezüglich unserer technikaffinen Gesellschaft will ich gar nicht reden. Aber als es dann erste Erfolgserlebnisse gab und ich sicherer wurde, kam auch der Spaß und die gute Laune zurück. Ich und Wir haben dann einer ganzen Anzahl Menschen dabei geholfen das Licht meines Studierzimmers zu erblicken, welches sich in ein Sende-und Empfangsstudio verwandelte. Eigentlich ist damit ein Menschheitstraum in Erfüllung gegangen: Guck-Telefon! (Mit 14 wäre ich dafür noch durch die Hölle gegangen…) Klar habe ich vor Jahren schon geskypt, aber die Verzögerungen machten es irgendwie uninteressant. Dieser Tage nun zoome ich mit ganzen, fast verlorenen gegangenen Gruppen und es ist ein tolles Wiedersehen. Nicht nur zwischen mir und den Teilnehmern, sondern auch innerhalb der „Community“. An einen Künstler mußte ich immer wieder denken: an Leonardo, den genialen Ingenieur, der u.a. Flugmaschinen konstruierte und in unserer Zeit sicher freudig an diesen Neuerungen partizipiert hätte und an das Bildmotiv des „Hl. Hieronymus im Gehäus“ besonders schön bei Dürer, der in seiner Studierstube fleißig seine Übersetzungen tätigt und in bester Gesellschaft, nämlich der eines friedlichen Löwen Schriften und Bücher studiert und sicher auch Bilder betrachtet und damit die „Welt“ bei sich zu Gast empfängt. Beides Renaissancekünstler, Zeitalter der „Wiedergeburt“… und in der Stunde dann mehr davon…

Liebe Freunde der Kunst,

wundersame Dinge kündigen sich an. „Meine“ traditionelle Kunstgeschichte hat ein neues Kleid bekommen. Aus analoger Kursform wird ein „online-kurs“, aber alles andere bleibt. Nach wie vor ist der rote Faden das aktuelle Ausstellungswesen in Hamburg. Wir besprechen die Ausstellungen, erfahren mehr über den/die Künstler*in, klären Stilfragen, machen Exkurse zum Zeitgeschehen und vergleichen die Werke mit anderer Kunst. Dabei bleiben wir im Dialog miteinander, diszipliniert mit der gelben Hand und im Eifer der Diskussion auch schon mal durcheinander. Ein wenig Übung gehört dazu und ein kleines bißchen Offenheit für die Möglichkeiten und Tücken der modernen Technik. Als Kunsthistorikerin habe ich mit den unbekannten und ungeahnten Möglichkeiten der onlinewelt natürlich auch und bisweilen sehr zu kämpfen, aber ich denke wir können aneinander wachsen.

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