Ein Kunstereignis der besonderen Art wäre im Jahr 2020 zu erwarten gewesen. Nun traf es dieser Tage ein: Es jährte sich der 501. Todestag Raffaels (1483-1520). Einer der wenigen Maler, denen es vergönnt war einzig durch den Vornamen bekannt geworden zu sein. Oder wer hätte gewusst, dass sein Nachname Sanzio da Urbino lautete oder auch Raffaello Santi? Was sich schon sehr nach Sanktus anhört und auch dadurch versteckte Hinweise auf eine Heiligsprechung andeutet. Um eben das sollte es wohl auch gehen. Das Heiligsprechen gehört bekanntlich zum Kerngeschäft der Kirche, so wie auch das Aufladen mit sinnherstellender Bedeutung, das Umfunktionieren realer Gegenstände zu Symbolträgern, der Deutungsanspruch von der Wiege bis zur Bahre und natürlich (die Karre kommt hier erst richtig in Schwung) und ganz besonders darüber hinaus. Dass Raffael zu den größten Malern der Welt gezählt wird, steht zu keiner Sekunde in Abrede. Doch warum das so ist, kann durchaus unterschiedlich erklärt werden, denn die Kunstmedaille hat zwei Seiten. Der Künstler und sein Werk und seien sie noch so gut, innovativ und außergewöhnlich, werden durch andere Autoritäten erst zur Kunst erklärt. Und das wissen wir nicht erst seit Marcel Duchamp. Die PR-Abteilung der katholischen Kirche ist seit 2000 Jahren die erfolgreichste der Welt. So geht es in dieser Ausstellung einerseits um die Legendenbildung rund um Raffaels Person gemäß des Rock’n’Roll – Mottos „Live Fast, Love Hard, Die Young“, andererseits folgen wir den Fans des Göttlichen. So wie gute Songs gecovert wurden, wurden auch seine Bilder und Frescen gecovert. Zeichner und Stecher sind Legion und künden von der Verehrung des Meisters. Sie haben in Kopie und Abwandlung hervorragendes nach-geschaffen. Doch so wie es von manchen Liedern einfach kein besseres als eben nur dieses Original auf Erden geben kann…ist auch hier ab einem bestimmten Punkt eine gewisse Müdigkeit erreicht…und die Aufmerksamkeit richtet sich ganz wieder auf Raffael, der mit 5 Originalzeichnungen im Allerheiligsten illuminiert wird. An dieser Stelle könnte sich Ratlosigkeit breit machen. Aber nur für die, die sich mit dem Genie nicht auskennen. Und das werden sicher die wenigsten sein, oder? Diejenigen hingegen, die fröhlich und selbstbewusst dazu stehen können, dass sie bis dahin für den göttlichen Raffael noch nicht die Zeit gefunden haben, freuen sich mit mir zusammen auf die nächsten Kursstunden.